Nationalheiligtum mit Hornbrille: ALBER ELBAZ

Alber ElbazNach dem 2013 lancierten Parfum-Portrait Dries van Noten par Frederic Malle ist Superstitious – Alber Elbaz par Frederic Malle der nunmehr zweite Duft, den der Pariser „Parfum-Verleger“ Frederic Malle einer von ihm verehrten, herausragenden Persönlichkeit widmet.

Dürfen wir vorstellen? Alber Elbaz; 55, Modedesigner. Und französisches Nationalheiligtum.

Man trägt wieder Fliege. Und dunkle Hornbrille. Mit dickem Rand. Und ist so, wie man halt nunmal ist: Etwas ängstlich. Etwas altmodisch. Etwas pummelig. Und – eine Ikone.

Ja, Alber Elbaz setzt eigene Maßstäbe und entspricht kaum einem gängigen Modedesigner-Klischee. Wo viele seiner Berufskollegen vor Selbstsicherheit strotzen, leistet sich Alber Elbaz den Luxus, offensiv zu seinen Schwächen zu stehen: In geradezu entwaffnender Offenheit thematisiert er eigene Ängste. Von Couch-Terminen beim Psychologen erzählt er mit derselben Selbstverständlich wie andere von der letzten Vernissage oder Cocktailparty. Große Erfolge und Triumphe gehören zu seinem Leben ebenso selbstverständlich wie tragisches Scheitern und nagende Selbstzweifel – selbst dann noch, wenn wieder einmal alles ganz besonders gut läuft.

DIE ZEIT beschrieb Alber Elbaz einmal als das „Gegenbild“ zu Tom Ford – jenem „smarten, etwas großmäuligen Texaner“, dem „Gewinnertyp schlechthin.“ Den Unterschied zwischen beiden brachte die Wochenzeitung so auf den Punkt: „Fords Name steht für aggressiven Sex und Coolness, der von Elbaz für Beständigkeit und Schönheit. Ford verhalf dem Stringtanga zu seinem Durchbruch, Elbaz entwirft nur widerwillig Hosen, weil sie ihm zu wenig elegant erscheinen.“

Geboren in Casablanca und aufgewachsen in Israel, studierte Alber Elbaz Modedesign am Shenkar College of Engineering and Design im israelischen Ramat Gam. 1985 kam er nach New York – und begab sich dort, nach seinem beruflichen Einstand in der Brautmoden-Branche, unter die Fittiche des amerikanischen Kult-Modeschöpfers Geoffrey Beene. „Mister Beene brachte mir meine Arbeit bei“, erzählt Albert Elbaz über seinen damaligen Mentor, den er begeistert als „großartigen Lehrer“ preist.

1996 wechselte er nach Europa, arbeitete bei Guy Laroche in Paris. Ein echter Coup und Meilenstein in seiner Karriere folgte 1998: Er wurde zum Kreativdirektor bei Yves Saint Laurent berufen. Doch das ganz große Modedesigner-Glück währte nur allzu kurz: Nach der Übernahme von YSL durch Gucci wurde Alber Elbaz im Jahr 2000 durch Tom Ford ersetzt.

Das war der Punkt, an dem Alber Elbaz ernstlich ans Aufhören dachte. Getroffen vom Rauswurf bei Yves Saint Laurent bereiste er ferne Länder, spielte sogar mit dem Gedanken, gänzlich die Profession zu wechseln: Warum denn immer Mode? Könnte ein Alber Elbaz der Menschheit nicht womöglich auch als Arzt nützlich sein – oder als Krankenpfleger?

Doch er machte weiter. Und fand die Rolle seines Lebens: 2001 wurde er Kreativdirektor und Designer für Damenmode bei Lanvin. Für das seinerzeit etwas angegraute französische Modehaus war der Einstieg von Alber Elbaz die reinste Jungbrunnen-Kur; Elbaz erneuerte die Marke von Grund auf – und das Unternehmen Lanvin erlebte eine sagenhafte Neubelebung und Blütezeit, vervielfachte seine Umsätze. Als Erneuerer von Lanvin war Alber Elbaz ein gefeierter Star der Fashion-Szene, wurde immer wieder mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.

Im Herbst 2015 jedoch endete dieses einzigartige Mode-Märchen jäh und unerwartet. Auf fast schon déjà-vu-artige Weise wiederholte sich, was 15 Jahre zuvor bei Yves Saint Laurent geschehen war: Das Haus Lanvin gab plötzlich und unerwartet das Ende der Zusammenarbeit mit Alber Elbaz bekannt. Die Entlassung der Modedesigner-Legende soll dem Vernehmen nach auf das Betreiben der Lanvin-Mehrheitseignerin zurückgehen.

Alber Elbaz selbst nimmt`s mittlerweile mit dem ihm eigenen Humor – und macht doch keinen Hehl aus seiner inneren Verletztheit ob des plötzlichen, abrupten Endes seiner großen Lanvin-Ära. Bei einem Auftritt vor hunderten Modedessign-Studenten in New York erzählte er im vergangenen Jahr: „Die ersten paar Monate danach lief ich in Paris umher. Und wenn es regnete, wusste ich nie, ob es der Regen war – oder meine Tränen.“

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Alber Elbaz gerade jetzt so viele Ehrungen und herzlich-warme Respektbezeugungen zuteil werden. Kaum jemand versteht schließlich, warum ausgerechnet der Mann, dem die Marke Lanvin so viel von ihrem heutigen Prestige zu verdanken hat, das Modehaus verlassen musste. Und so wirkt es fast wie ein warmer Regen der Genugtuung, dass Elbaz etwa im Herbst 2016 der höchste französische Ehrenorden Légion d’Honneur verliehen wurde. Oder wenn ihm Parfum-Maestro Frederic Malle einen eigenen Alber-Elbaz-Duft widmet.

Doch der vielleicht größte Ritterschlag für Alber Elbaz kam aus dem Munde von Jack Lang, seines Zeichens ehemaliger französischer Bildungs- und Kulturminister. Er erklärte ihn, quasi offiziell, zum französischen Nationalheiligtum:

„Diesem außergewöhnlichen Talent auf diese Art die Flügel zu beschneiden“, sagte er mit Hinblick auf die Entlassung Elbaz´ durch Lanvin, „macht mich sehr traurig und wütend. Er ist eines unserer Nationalheiligtümer. Er ist eine Ikone und eine Quelle des Stolzes für uns. Wir schulden ihm unermüdliche Unterstützung, unseren Respekt – und unsere Liebe.“

Alber Elbaz & Frederic Malle

Alber Elbaz und Frederic Malle © Brigitte Lacombe

 

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