„Bombige“ Düfte: Wenn das Lieblingsparfum Terroralarm auslöst

Terror und Parfum – das sind zwei Welten, die nun wirklich überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Eigentlich. Aber wussten Sie, dass auch völlig harmlose Parfumliebhaber immer mal wieder unter Terrorverdacht geraten? Schuld daran sind Flakon-Designer mit einem Faible fürs Martialische – und Sicherheitspersonal, das Parfumfläschchen nicht von Kriegswaffen unterscheiden kann. Eine Sammlung der kuriosesten Fälle aus den letzten Jahren.

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf dem Weg zu Ihrem Urlaubsflieger. Erfüllt von sonnig-heiterer Vorfreude zücken Sie Ihr Lieblings-Parfum, um sich ein, zwei erfrischende Sprühstöße zu gönnen. Doch plötzlich und unerwartet verfinstern sich die Mienen der Menschen in Ihrer Umgebung – und ehe Sie verstehen wie Ihnen geschieht, wurden Sie auch schon von einer Anti-Terror-Spezialeinheit überwältigt. Sie wollten sich doch eigentlich nur mal kurz parfümieren! Aber jetzt sitzen Sie, streng bewacht, in einer Gefängniszelle…

Ein harmloser Alltagsgegenstand, der aussieht wie eine Handgranate: Manche Produktdesigner halten das für eine „Bomben-Idee“. Wecker, Seifen, Getränkeflaschen – ja, selbst USB-Sticks, PC-Mäuse und Weihnachtsbaumkugeln bekommt man, wenn man es denn wünscht, im very-shocking-Handgranaten-Look. Kaum verwunderlich also, dass die kuriose Design-Idee längst auch die Parfümeriewelt erreicht hat.

Nur allzu gut passt eine so ausgefallene Flakon-Gestaltung ja auch zu Parfums, die sinnbildlich für eine „Explosion“ bestimmter Duftstoffe stehen. Besonders bekannt für diesen etwas martialischen Designer-Gag ist etwa das Modehaus Viktor & Rolf, das in der Vergangenheit gleich mehrere seiner Düfte („Flowerbomb“, „Spicebomb“) in Parfumfläschchen abfüllen ließ, die mit handelsüblichen Handgranaten… nun ja, eine vage Ähnlichkeit aufweisen. Aber auch Gilles Cantuel (Duftserie „Arsenal“) oder der Künstler Mauro Perucchetti („Blast!“) ließen es sich nicht nehmen, Parfumflakons in „bombiger“ Optik zu designen.

Flowerbomb Spicebomb

Kokettieren mit Handgranaten-Optik: VICTOR & ROLF-Düfte FLOWERBOMB, SPICEBOMB

Doch auf diese Weise spielerisch-ironisch die Grenzen des Kriegswaffenkontrollgesetzes auszutesten, kann zuweilen auch schon mal ganz schön nach hinten los gehen, wie folgende Beispiele eindrucksvoll zeigen:

Ende Januar 2013 wird auf einer Damentoilette des Hilton-Hotels im nordenglischen York ein Parfumflakon gefunden, der aussieht wie ein Dynamit-Bündel – und obendrein auch noch mit der Aufschrift „TNT“ versehen ist. Der „verdächtige“ Fund wird der Polizei gemeldet; diese löst prompt Bombenalarm aus. Für eine dreiviertel Stunde müssen die Gäste das Hotel verlassen; dann gibt die Polizei Entwarnung: Es war nur ein Parfum – keine Bombe.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich bereits wenige Monate zuvor, und zwar im August 2012 im kanadischen Mississauga: Auch hier hat jemand irgendwo ein Parfum liegenlassen, das in dem brisanten „TNT“-Design gehalten ist. Die Polizei sperrt ganze Straßen ab und evakuiert gleich mehrere Häuser im Umfeld des Fundes. Das Bomben-Einsatzkommando rollt an, mitsamt Entschärfungs-Roboter. Es dauert mehrere Stunden, bis klar ist: Es war nur ein Fehlalarm. Für die Polizei ist der Fall damit aber keineswegs abgeschlossen – sie leitet ein Ermittlungsverfahren wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ ein.

Entschärfungsroboter

Aus dem Weg! Der Parfumentschärfungs-Roboter rückt an

Im Juni 2015 wird das Gebäude des Amtsgerichts Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio nach einem Bombenalarm geräumt. Eine Frau bringt in ihrer Tasche einen persönlichen Gegenstand zum Gerichtstermin mit, der bei der Eingangskontrolle den Verdacht des Sicherheitspersonals erregt. Angeblich sehe dieser einer „Ananas-Handgranate“ aus dem Zweiten Weltkrieg ähnlich. Das gesamte Gerichtsgebäude wird evakuiert, angrenzende Straßen von der Polizei abgesperrt und ein Roboter zur Bombenentschärfung eingesetzt. Auch in diesem Fall erfordert es mehrere Stunden intensiver Untersuchungen, bis die vermeintliche „Handgranate“ zweifelsfrei als das erkannt wird, was sie in Wirklichkeit ist: ein Parfumfläschchen.

Eigentlich will Jimmy Ho im Sommer 2012 nur ganz entspannt nach London fliegen; doch der Sicherheits-Check am Flughafen von Edinburgh verläuft alles andere als entspannt. Beim Durchleuchten des Fluggepäcks fällt dem Security-Personal nämlich auf, dass der 25jährige einen Gegenstand mit sich führt, der eine fatale Ähnlichkeit mit einer Handgranate aufweist. Als er an der Sicherheitskontrolle sein Handgepäck nicht mehr zurückbekommt, ahnt Jimmy Ho, dass „etwas Merkwürdiges vor sich geht”. Doch was bloß?

„Ich bemerkte, dass mich alle richtig seltsam anschauten, und ich hatte absolut keine Ahnung, was los war. Ich musste eine ganze Weile lang warten, bis irgendwer überhaupt mal etwas sagte – und dann fragten sie mich, warum ich eine Handgranate in meinem Gepäck habe. Ich war total schockiert! Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprachen; bis mir klar wurde, dass mein Parfum gemeint war.“

Airport Security Check

Parfumflakons in Handgranaten-Optik sind hier nicht gern gesehen: Security-Check am Flughafen

Bei dem Parfum handelt es sich um den Victor & Rolf-Duft Spicebomb, dessen Flakondesign unverhohlen mit Handgranaten-Ästhetik kokettiert. Sehr zum Missfallen von Edinburghs Flughafen-Security: Polizisten umstellen den sichtlich verdutzten Flugpassagier, immer wieder werden hochnotpeinliche Fragen zu der vermeintlichen „Handgranate“ an ihn gerichtet – während der Inhalt des Parfumflakons einer eingehenden Untersuchung unterzogen wird.

Insgesamt dauert es rund 45 Minuten, bis der Irrtum aufgeklärt ist, der falsche Alarm abgeblasen wird und Jimmy Ho seine Reise nach London fortsetzen darf. Mit Handgepäck – und Spicebomb

Kurz vor dem Urlaubsflug im Flughafen noch schnell einen Duft im stylischen Handgranaten-Design kaufen, um dann anschließend im Flugzeug die Mitreisenden mit einem kleinen, neckischen Scherz zu bespaßen („Achtung! Eine Bombe!“) – das war einmal. Zumindest bei Flügen ab Flughafen Oslo; der nämlich hat die Mutter aller Handgranaten-Parfums, den von L’Oréal für Victor & Rolf produzierten Duft Flowerbomb, konsequent aus den Verkaufsregalen seiner Duty-Free-Shops verbannt. „Die aktuellen Regularien verbieten Produkte, die die Form von Waffen aufweisen; und wir meinen, dass dieser Flakon dazu verwendet werden könnte, Passagieren Angst zu machen“, so der Osloer Flughafen-Sprecher Jo Kobro. Der „Flowerbomb“-Hersteller freilich sieht das völlig anders: „Ich bin überrascht“, sagt der L’Oréal-Repräsentant Mathieu Spies. „Ich kann verstehen, dass das Design des Flakons einer Handgranate ähnelt – aber man muss nur eine Frage stellen, um herauszufinden, was er enthält.“

(Na klar – wer fragt im Flugzeug nicht gerne mal den Sitznachbarn, der scheinbar gerade mit einer Handgranate herumhantiert, was genau eigentlich darin enthalten ist? Solche interessierten Nachfragen sind bekanntlich – neben dem Wetter und der Qualität der Bordverpflegung – bewährter Small-Talk-Standard auf jedem Interkontinentalflug!)…

Flowerbomb

Während das Design des Spicebomb-Flakons offenkundig bewusst an das Erscheinungsbild einer Handgranate angelehnt ist, besteht bei dem Duftfläschchen des Jimmy-Choo-Parfums „Pour Femme“ eigentlich keine Verwechslungsgefahr mit Kriegswaffen. Doch selbst das ist keineswegs eine Garantie für Parfumliebhaber, nicht unter Terrorverdacht zu geraten. Davon jedenfalls kann Lois Lewis ein Lied singen. Als sie im März 2014 durch die Sicherheitsschleuse des „Sky Harbour“-Flughafens in Phoenix, Arizona muss, will sie alles besonders korrekt machen, tütet den Jimmy-Choo-Flakon ordnungsgemäß in eine transparente Plastiktüte ein – und schickt ihn so zusammen mit ihrem Handgepäck durch den Sicherheits-Scanner.

Das Security-Personal hat aber offenbar noch nicht oft einen Parfumflakon gesehen – jedenfalls nicht den von Jimmy Choo: Der 60-ml-Flakon wird konfisziert, da er angeblich wie eine Granate aussieht. Die Flughafenbehörde ruft eigens einen Bombenexperten herbei, der Schalter der Sicherheitskontrolle wird für eine ganze Stunde geschlossen. So lange dauert es, bis abgeklärt werden kann, dass „Jimmy Choo“ offenbar kein Handgranatenhersteller ist.

Jimmy Choo - Handgranate

Dieser Flakon will noch nicht einmal aussehen wie eine Handgranate – darf aber trotzdem von sich behaupten, schon dafür gehalten worden zu sein: JIMMY CHOO – POUR FEMME. Rechts daneben, zum Vergleich: eine echte Handgranate.

Und selbst mit dem Herrenduft Diesel Green ist man keineswegs davor gefeit, versehentlich zum Terrorverdächtigen zu werden. Der Flakon sieht zwar nicht aus wie eine Bombe, dafür aber – auch nicht besonders vertrauenserweckend – wie ein Handsprüher für Pestizide oder Unkrautvernichtungsmittel.

Diesel Green

Zugegeben – diese Mischung aus klassischem Unkrautvernichter-Look und giftgrünem Inhalt kann schon ein bisschen irritieren: DIESEL GREEN

Im Februar 2003 wird ein 22jähriger Student aus Saudi-Arabien bei der Sicherheitskontrolle des Philadelphia International Airports vom Security-Personal auf den auffällig gestalteten Diesel-Green-Flakon angesprochen, den er bei sich führt. Der Student möchte demonstrieren, dass es sich dabei um ein völlig harmloses Parfum handelt – und sprüht zunächst sich selbst damit ein. Damit aber auch wirklich keine Restzweifel an der Unbedenklichkeit des Flakon-Inhalts bleiben, beglückt er schließlich auch das Sicherheitspersonal mit dem Duft.

Plötzlich geht alles ganz schnell: Terroralarm in Terminal A! Das FBI wird eingeschaltet, der Student festgenommen und ein Spezialteam für gefährliche Stoffe angefordert. Jeder, der mit dem Duft möglicherweise in Kontakt gekommen ist – insgesamt mehr als ein dutzend Personen – wird unter Quarantäne gestellt und intensiv untersucht.

Erst nach drei Stunden wird die Quarantäne aufgehoben. Und alle Beteiligten sind über das Ergebnis der Untersuchungen sehr erleichtert: es war kein Terror – bloß Diesel Green

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