JUNGBRUNNEN SPERMIDIN? – Edle Essenzen im Gespräch mit Professor Madeo

 

Professor Madeo

Im Oktober erschienen weltweit sensationell anmutende Pressemeldungen aus der Welt der Wissenschaft, die uns von der Redaktion Edle Essenzen – wie auch viele unserer Leserinnen und Leser – hellhörig werden ließen: Eine Forschergruppe rund um Professor Francesco Madeo vom Grazer Institut für Molekulare Biowissenschaften hat im Rahmen von Laborversuchen herausgefunden, dass die gezielte Zuführung einer Substanz namens Spermidin den natürlichen Alterungsprozess von Körperzellen bremsen, die zelluläre „Müllabfuhr“ kräftig ankurbeln – und damit deren Leben verlängern könnte. Anti-Falten-Cremes, Botoxspritzen und Schönheitschirurgie – alles vielleicht eines Tages obsolet dank Spermidin? Wir wollten genauer wissen, was dahinter steckt, und baten Professor Madeo zu einem spannenden Interview zum wohl seit jeher faszinierendsten Beauty-Thema überhaupt: dem Jungbrunnen…

"Der Jungbrunnen" - Gemälde von Lucas Cranach, 1546

„Der Jungbrunnen“ – Gemälde von Lucas Cranach, 1546

Edle Essenzen: Herr Professor Madeo, seit der Antike gibt es den mythologischen Traum der Menschheit von einem „Jungbrunnen“, der uns ein ewig jugendliches Aussehen, oder gar Unsterblichkeit beschert. Wie weit sind wir derzeit tatsächlich davon entfernt, dass dieser Mythos Realität werden könnte?

Professor Madeo: Genauso unendlich weit wie immer. Moderne plastische Chirurgie hat der Ewigkeit ein paar Jahre abgetrotzt, mehr nicht. Außerdem würde sich dieser Traum bald in einen Alptraum verwandeln: Nur die Tatsache, dass uns ein Endpunkt gesetzt ist, gibt uns den Impuls, den Tag zu leben und zu lieben. Menschen, die plötzlich erfahren, dass sie in zwei Jahren an einer unheilbaren Krankheit sterben werden, berichten oft von einem erstaunlichen Phänomen: Nach anfänglicher Verzweiflung, stellen sie ihr Leben um, saugen die Freude aus jeder Minute und tun die Dinge, die sie immer schon tun wollten. Manchmal sagen diese Todgeweihten: Ich habe erst wirklich gelebt, als ich wusste, dass meine Zeit endlich ist.

Es kommt also vielleicht insgesamt nicht darauf an, die natürliche Lebenszeit eines gesunden Menschen mit allen Mitteln zu verlängern, sondern sie sinnvoll auszunutzen, oder, um es mit Goethe zu sagen: Ein Tag hat tausend Taschen. Wenn sie wüssten, dass sie ewig lebten, würden sie ständig sagen: Morgen, Morgen, nur nicht heute.

Edle Essenzen: Sie arbeiten an einem spannenden Forschungsgegenstand, der uns und unsere Leserinnen und Leser geradezu brennend interessiert, um nicht zu sagen: die Frage schlechthin betrifft, die uns so jahrein, jahraus umtreibt. Nämlich die: wie können wir länger jung, schön und knackig bleiben, und den sichtbaren Alterungsprozess hinauszögern? Die einen schwören auf Anti-Ageing-Cremes, andere lassen sich Botox spritzen oder vertrauen sich den fürsorglichen Händen eines Schönheitschirurgen an – könnte dies alles bald Schnee von gestern sein?

Professor Madeo: Mit Verlaub, Anti-Ageing Cremes erregen mein Misstrauen. Obwohl man da sicher differenzieren muss: Eine rezeptpflichtige Crème, die einen abgestimmten Hormoncocktail enthält, könnte tatsächlich eine verjüngende Wirkung auf die Haut haben. Allerdings ist dieses Wissenschaftsfeld wiederum zu jung, um eventuell später auftretende Nebenwirkungen zu kennen. Das gleiche gilt für die altersbedinge Hormonsubstitution beim Mann. Ich bestreite nicht, dass Männer sich nach Hormongaben besser fühlen, möchte aber daran erinnern, dass es vor einigen Jahren einen ähnlichen Hormonboom für die Frauen in den Wechseljahren gab, der in einem Anstieg der Krebserkrankungen endete.
Bei nicht-rezeptpflichtigen und teuren Cremes bin ich noch skeptischer. Sie basieren im Prinzip alle auf Fett und wenn sie sich die Packungen anschauen, steht gerne darauf: „Verjüngt ihre Haut um 10 Jahre“. Im Kleingedruckten lesen sie dann: „Der Verjüngungseffekt beruht auf dem subjektiven Empfinden der Testpersonen.“ Den hätten sie vermutlich auch mit einem Pfund Butter erreicht.

Edle Essenzen: Anfang Oktober haben Sie Forschungsergebnisse veröffentlicht, in deren Mittelpunkt Spermidin steht – eine Substanz, die in besonders hoher Konzentration in männlicher Samenflüssigkeit vorkommt, was auch deren Namen erklärt. Diese aktiviert die „Müllabfuhr“ des menschlichen Körpers – die sogenannte Autophagie – und sorgt dafür, dass geschädigte Zellbestandteile entsorgt werden. Sie haben nun entdeckt, dass von außen hinzugefügtes Spermidin diesen Prozess ankurbeln und die Lebensdauer von Zellen verlängern kann. Was genau ist die mögliche praktische Konsequenz aus dieser Entdeckung? Werden wir dank Spermidin vielleicht bald länger leben, oder langsamer altern?

Professor Madeo: Keine Ahnung. Davor hat der Herrgott eine Menge Wissenschaft gesetzt. Alles andere zu behaupten, wäre beim momentanen Stand der Forschung unseriös.

Edle Essenzen: In der Presse war auch davon die Rede, dass Ihre Entdeckung möglicherweise für die Bekämpfung typischer Alterskrankheiten wie Alzheimer oder Parkinson relevant sein könnte. Inwiefern?

Professor Madeo: Alters-assoziierte Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson entstehen wahrscheinlich durch Ablagerung von verklumpten Proteinen, also zellulärem Müll in Nervenzellen. Dazu passt gut, dass die Induktion der Autophagie in verschiedenen Tiermodellen vor Neurodegeneration schützt. Spermidin wiederum regt die Autophagie an.

 

Enthält viel Spermidin: Durian

Edle Essenzen: Spermidin soll in relativ hohen Konzentrationen auch in Sojabohnen, Grapefruit und Weizenkeimen vorhanden sein. Empfehlen Sie nach den aus Ihren Forschungen bislang gewonnen Erkenntnissen, diese Früchte verstärkt auf den Speiseplan zu setzen?

Professor Madeo: Es kann nicht schaden und vielleicht nützen, daher empfehle ich das. Wobei die Konzentration von Spermidin (und verwandten Molekülen) im Sperma am größten ist. Interessanterweise kommt auch sehr viel Spermidin in traditionell asiatischen Heilpflanzen vor, wie dem Mandelpilz oder der Durian.

Edle Essenzen: Wie wäre denn ansonsten eine gezielte, künstliche Verabreichung von Spermidin denkbar? Über das Essen, über tägliche Spermidin-Spritzen oder -tabletten vielleicht – oder wird es womöglich eines Tages auch spermidinhaltige Kosmetik-Cremes geben? Wäre auf diesem Wege – also von außen, über die Haut – überhaupt eine wirksame Spermidin-Zuführung denkbar?

Professor Madeo: Die Konzentration an Spermidin nimmt in beinahe allen Organen während des menschlichen Alterns ab. Interessanterweise in der Haut am stärksten. Vielleicht würde die Haut davon profitieren. Aber nochmal: Bevor keine Klinischen Studien vorliegen, rate ich von der artifiziellen Gabe hochkonzentrierten Spermidins ab.

Edle Essenzen: Wie kann man sich das überhaupt vorstellen, dieses Spermidin? Wie sieht das aus? Ist das eine Flüssigkeit, ein Pulver? Riecht das, schmeckt das gut – würden Sie sowas bedenkenlos auch als Brotaufstrich essen, in einen Cocktail mixen oder eine Suppe damit würzen?

Professor Madeo: Es ist eine Flüssigkeit, die stinkt. Aber es ist alles eine Frage der Konzentration, denn Sojabohnen, z.B., in denen es immerhin einigermaßen hoch konzentriert ist, stinken nicht. Durian, in der die Konzentrationen noch höher sind, stinkt.

Edle Essenzen: Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak wurden für die Entdeckung der Telomerase – eines Enzyms, das den Alterungsprozess reguliert – am 5. Oktober mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Gerade mal einen Tag zuvor haben Sie Ihre Spermidin-Forschungsergebnisse im internationalen Wissenschaftsjournal „Nature Cell Biology“ veröffentlicht. Im Falle der drei Nobelpreisträger war in der Presse von den „Jägern der ewigen Jugend“ die Rede, während Ihr Kollege und Co-Autor Dr. Eisenberg mit den Worten zitiert wurde, dass Sie dem „heiligen Gral der Altersforschung“ auf der Spur seien. Innerhalb von zwei Tagen gab es in diesem Oktober also zwei große Meldungen aus der Welt der Wissenschaft, die alle an der „Jungbrunnen“-Thematik interessierten Menschen aufhorchen lassen. War die auffällige zeitliche Nähe der Nobelpreis-Verleihung für die Telomerase-Entdeckung und der Publikation der Ergebnisse Ihrer Spermidin-Forschung reiner Zufall?

Professor Madeo: Vermutlich nicht, die Menschen werden immer älter und damit nehmen altersassoziierte Erkrankungen zu. Das wiederum lässt den Forschungsbedarf steigen.

Edle Essenzen: In welchem inhaltlichen Zusammenhang steht möglicherweise die Erforschung der Telomerase mit der des Spermidins? Könnten das zwei Seiten einer Medaille auf der Jagd nach der ewigen Jugend und dem „heiligen Gral der Altersforschung“ sein?

Professor Madeo: Glaube ich nicht. Die reine Erhöhung der Telomeraseaktivität eines Organismus führt nicht zu Langlebigkeit von Organismen, sondern von Zellen – und damit zu Krebs. Man kann die Langlebigkeit von Mäusen durch Erhöhung der Telomeraseaktivität nur erreichen, wenn man die Mäuse genetisch so manipuliert, dass Krebsentstehung unterdrückt wird. Die Erhöhung der Spermidinkonzentration (in der Nahrung) hat Mäuse, Fliegen, Würmer, Hefen länger leben lassen, sehr wahrscheinlich über einen Mechanismus, der mit Telomeren nichts zu tun hat. Zumindest haben wir bei unseren Mäusen keinen Tumor beobachtet.

Unser Interviewpartner Professor Madeo im Spermidin-Versuchslabor

Unser Interviewpartner Professor Madeo im Spermidin-Versuchslabor

Edle Essenzen: Herr Professor, Sie haben im Rahmen Ihrer aktuellen Forschungen Versuche mit Fliegen, Würmern und Hefe angestellt, die nach Spermidinzufuhr signifikant länger lebten. Fruchtfliegen etwa wiesen nach einer Spermidin-Diät eine um 30 Prozent längere Lebenszeit auf. Wie genau kann man sich das vorstellen? Bekamen die Fliegen von Ihnen zum Essen pures Spermidin serviert – oder vielmehr reguläre Fruchtfliegennahrung, die lediglich mit Spermidin angereichert war?

Professor Madeo: Letzteres. Die Mäuse bekamen es mit dem Trinkwasser.

Edle Essenzen: Und konnten Sie auch einen proportionalen Zusammenhang zwischen der Lebenszeitverlängerung und der zugeführten Menge an Spermidin beobachten? Lebte also zum Beispiel eine Fliege, die nur zum Frühstück Spermidin bekam, weniger lange als eine andere Fliege, bei der Spermidin den ganzen Tag über auf dem Teller lag? Wäre die Lebensdauer also – abhängig von der Menge an zugeführtem Spermidin – beliebig steigerbar, oder stößt dieser Effekt irgendwann an eine Art natürliche Grenze…?

Professor Madeo: Es ist abhängig von der Menge. Zuviel Spermidin wiederum ist schädlich und verkürzt das Leben. Ähnlich wie bei Salz: Ich brauche es zum leben, kann mich aber mit drei Esslöffeln umbringen.

Edle Essenzen: Welche konkret zu beobachtenden Auswirkungen hatte die gezielte Spermidinzufuhr? Lebten die Fliegen nur einfach um 30 Prozent länger, oder verzögerten sich dadurch etwa auch das Auftreten von Alterungserscheinungen? Starb also zum Beispiel eine Fliege, die normalerweise nur 50 Tage gelebt hätte, nun mit 65 Tagen, hatte aber noch die jugendliche Ausstrahlung einer – sagen wir einmal – 20 oder 30 Tage alten Fliege? Oder sah die 65 Tage alte Fliege auf ihrem Sterbebett auch genauso aus wie man das von einer hoch betagten 65 Tage alten Fruchtfliege erwarten würde?

Professor Madeo: Bei Fliegen wissen wir das nicht. Die alten Mäuse aber zeigen weniger Alterserscheinungen durch Spermidin.

 

Blieb jugendlich schön bis ins Greisenalter - dank Spermidin: Versuchsmaus

Edle Essenzen: Nun ist ja bekannt, dass Fruchtfliegen uns Menschen genetisch gar nicht so unähnlich sind – immerhin 60 Prozent Ihrer Gene gibt es in ähnlicher Form und Funktion auch beim Menschen. Sind solche Forschungsergebnisse aber unbedingt auf den Menschen übertragbar? Ist also grundsätzlich davon auszugehen, dass eine erhöhte Spermidinzufuhr, die einer Fruchtfliege beachtliche 30 Prozent mehr Lebensdauer beschert, auch beim Menschen – zumindest irgendwelche – Auswirkungen auf das Lebensalter hätte? Oder könnte es auch genauso gut sein, dass den menschlichen Organismus ziemlich kalt lässt, was einer Fliege zu einem deutlich längeren Leben verhilft?

Professor Madeo: Ich habe keine Ahnung.

Edle Essenzen: Hand aufs Herz, mal ganz ehrlich und unter uns: haben Sie während Ihrer Forschungen auch ab und zu mal etwas Spermidin genascht – oder war das ausschließlich den Versuchsfliegen vorbehalten?

Professor Madeo: Nein, hab ich nicht und werde ich nicht, es sei denn durch Sojabohnen.

Edle Essenzen: Wie kamen Sie eigentlich darauf, sich gerade mit diesem Thema zu beschäftigen? Suchten Sie gezielt nach dem „heiligen Gral der Altersforschung“, oder sind Sie eher durch einen Zufall darüber gestolpert?

Professor Madeo: Reiner Zufall. Die Besten Forschungsergebnisse sind die, die man nicht geplant hat. Man geht einen Weg entlang und sieht plötzlich durchs Unterholz einen verführerischen Seitenweg. Ist es ein Irrweg? Führt er nach El Dorado? Wie willst Du das wissen, wenn Du es nicht wagst.

Edle Essenzen: Sind Sie sich bei Ihren Forschungen dessen bewusst, dass die Ur-Hoffnungen unzähliger Menschen auf Ihnen ruhen? Dass die Ergebnisse solcher Forschungen möglicherweise die Zukunft entscheidend verändern, den Grundstein für völlig neue Entwicklungen legen könnten? Schwingt sowas bei nüchternen Labortests, Analysen und Versuchsauswertungen im Hinterkopf eines Wissenschaftlers mit? Oder hat man dabei mehr den Erkenntnisgewinn als Selbstzweck im Blick?

Professor Madeo: Nein, das schwingt mit und es gibt Kraft, denn die wissenschaftliche Arbeit ist sehr anstrengend. Wenn sie aber dazu führt, dass ein Opa seinen Enkel noch ein Jahr länger erkennt – dann hat sich alles gelohnt.

Edle Essenzen: Herr Professor Madeo, wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview zu einem der wohl spannendsten Themen überhaupt und wünschen Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Suche nach dem „heiligen Gral“!

Professor_Madeo_ZurPerson

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  1. Danke für das sehr interessante Interview. Mittlerweile gibt es ja schon eine neue Studie, die die Wirkung von Spermidin bei Alzheimer untersucht hat. Leider finde ich nirgendwo eine ungefähre Angabe wie viel Spermidin denn pro Tag so empfehlenswert ist. Haben Sie da eine näher Information für mich?