Der Große Essenza Nobile® Parfum Online Kurs

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Image credits: © 2017 Raluca Kirschner

Die Nase ausbilden

Wenn Sie an einem Parfum riechen, was riechen Sie genau?

Für einen Einsteiger ist es alles andere als einfach, ein Parfum als Ganzes ein seine einzelnen Noten zu zerlegen. Es gibt zahllose einzelne Duftnoten, und die möglichen Kombinationen scheinen unendlich zu sein. Hinzu kommt der spezifische Duktus, der häufig in Duftbeschreibungen und Parfum-Reviews vorherrscht – zu Beginn kaum verständlich. Natürlich wissen viele von uns, wie Patchouli riecht. Aber Zeder oder Sandelholz? Oder gar den olfaktorisch sehr feinen Unterschied zwischen Pfirsich und Pflaume? Oder Aldehyde? Wie, bitte, riechen Aldehyde?

Sie können unbesorgt sein. Ihrer Nase beizubringen, die olfaktorischen Feinheiten eines Parfums zu erkennen und neue Duftnoten kennen zu lernen und zu erschnuppern, ist ein wenig wie das Erlernen einer neuen Sprache – je mehr Sie üben, desto schneller stellen sich die ersten Erfolge ein. Die meisten von uns haben nicht die Rohmaterialien der Parfumeure zur Verfügung – fangen Sie also in Ihrem gewohnten Umfeld an.

Gewürze: Zerstoßen Sie einige schwarze Pfefferkörner auf einem Brettchen und riechen Sie – merken Sie, wie der Pfeffer Ihre Nase kitzelt, und bemerken Sie den klaren, fast holzigen Geruch? Schwarzer Pfeffer wird gerne in holzigen Düften mit Weihrauch verwendet, um die Tiefe der Noten zu betonen (Beispiel: Armani – Bois d’Encens).

Verreiben Sie ein paar Safranfäden zwischen Ihren Fingern (seien Sie sanft): Bemerken Sie den leicht klinischen, ledrigen Duft? Und wie würden Sie den Duft frisch zerstoßenen Kardamoms beschreiben? Grün, zitrisch, hitzig?

Auch schlichtes Salz sollten Sie nicht unterschätzen – ein mineralischer Duft, der uns an das Meer denken lässt – wie in Miller Harris‘ Fleur de Sel. Nehmen Sie sich alle Gewürze vor, die nicht nur im kulinarischen Bereich, sondern auch in der Parfümerie eine Rolle spielen: Kümmel, Kreuzkümmel, schwarzer und rosa Pfeffer, Kardamom, Fenchel, Chili, Ingwer, Muskat, Zimt, Nelken, Safran, Vanille.

Weihrauch: Was genau ist Weihrauch? Im Zusammenhang mit Parfums kann zweierlei gemeint sein: Erstens eine Mischung verschiedener Duftöle wie etwa Patchouli, Zeder, oder Benzoin, oder Weihrauchharz, das in kleinen Bröckchen geräuchert wird. Ersterer duftet exotisch, rauchig und holzig und ist den meisten von uns vertraut (Beispiel: Comme des Garcons – Kyoto). Weihrauchharz können Sie leicht auftreiben, wenn Sie eine orthodoxe Gemeinde in der Nähe haben – in einer entsprechenden Vorrichtung können Sie die Bröckchen über einem Stück Kohle räuchern. Der Duft ist vielschichtig und reicht von verbrannter Zitrusfrucht zu rauchigen Noten – eine wundervolle Hommage an diese Substanz ist Sahara Noir von Tom Ford.

Blüten: Einige der floralen Noten in Parfums werden als Absolutes aus den Blüten selbst extrahiert oder kommen von Duftölen – wie etwa Rose, Iris, Jasmin, Lavendel und Ylang. Einige Blüten aber sind nicht extrahierbar – ihr Duft kann ihnen quasi nicht genommen werden (beispielsweise Gardenie oder Nelke). Ihr Duft muss rekonstruiert werden – unter Zuhilfenahme diverser nachgebildeter Duftstoffe, was eine hohe Kunst ist, die dem Parfumeur viel Erfahrung und Kunstfertigkeit abverlangt.

Machen Sie doch einmal einen Ausflug in eine Gärtnerei, oder einen üppig bepflanzten Park – schnuppern Sie an Blumen, so oft Sie nur können. Schnell werden Sie bemerken, dass es trotz zahlloser Züchtungen beispielsweise der Rose nur etwa drei „Grund-Rosen-Noten“ gibt, die in der Parfumerie verwendet werden: Die Rose de Mai, eine leichte, beinahe frische Rose, dann die türkische oder bulgarische Rose mit ihrem tiefen, dunklen Duft, und schließlich die Rosa Centifolia mit ihrer samtigen, ein wenig altmodischen Entfaltung.

Im Lauf der Zeit werden Sie merken, wie Sie Ihre ganz eigenen Duftpräferenzen entwickeln – vielleicht riechen Sie die Iriswurzel (ein leicht erdiger, aber sehr feiner Duft) lieber als die Blütenblätter der Iris (ein sehr feiner, cremiger, leicht grünlicher Duft) – das wird die Anzahl derjenigen Parfums, die vor allem auf der Iris aufbauen, merklich einschränken. Serge Lutens‘ Iris Silver Mist beispielsweise dreht sich eindeutig um die Iriswurzel, während Iris Nobile von Acqua di Parma auf der Irisblüte basiert.

Vielleicht gestattet Ihnen der Florist Ihres Vertrauens, an seinen teuersten Blüten zu schnuppern? Verwöhnen Sie Ihre Nase mit Orchideen, Callas und Tuberose. Blüten sind hochkomplexe Lebewesen mit ihren eigenen Zyklen – Tuberosen können riechen wie Butter, Gummi, Blut oder Sahne, je nachdem, welche Sorte Sie vor sich haben und zu welcher Jahreszeit Sie an ihr riechen. Einige Orchideen können nach Vanille oder Schokolade riechen… Sie werden schnell merken, wovon Sie noch mehr riechen möchten und wovon eher nicht. Sie lieben Tuberosen? Einer der grandiosesten Tuberosendüfte ist Carnal Flower aus dem Hause Frederic Malle.

Leder: Schnuppern Sie einmal am Revers einer Lederjacke, an einem neuen Paar hochwertiger Schuhe, an einem Wildlederhandschuh, einer Lederhandtasche, einem Sattel, und wenn möglich, auch an der ledernen Innenausstattung eines noblen Autos. All diese Ledersorten riechen unterschiedlich – manche rauher, andere samtig-buttrig, und andere ein wenig rauchig. Chanels legendärer Duft Cuir de Russie versetzt sie unmittelbar in einen Luxuswagen, während Cuir Pleine Fleur von James Heeley an ein paar Wildlederhandschuhe erinnert, und Serge Lutens‘ Daim Blonde ähnelt dem Innenleben eines zarten weiblichen Wildlederhandschuhs. Die Ledernoten der Parfumerie sind unendlich, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – Akkorde aus Birkenteer, Styrax, Safraleine und Chinolin werden unterschiedlich eingesetzt, um die verschiedensten Ledernoten zum Leben zu erwecken.

Hölzer: Frisch gesägtes Holz kann einen ungemein beruhigenden Effekt haben. Wenn Sie sich in einem Baumarkt am liebsten in der Abteilung für Holzbearbeitung aufhalten, lieben Sie wahrscheinlich den Duft von Zedern und Eichenholz. Der Duft von frischem Holz wird zum Beispiel in Tam Dao von Diptyque grandios imitiert – am komplexesten und raffiniertesten vielleicht in Spice and Wood von Creed.

Warum nicht gleich ein ganzer Wald? Hier kommen zu den typischen Holznoten noch die Noten von Harz, Moosen, dem erdigen Waldboden, feuchtem Boden und Tannennadeln hinzu. Das klingt paradiesisch? Dann testen Sie unbedingt Norne von Slumberhouse, Filles en Anguilles von Serge Lutens und Precious Woods von April Aromatics.

Aldehyde: Von Aldehyden hört man häufig im Zusammenhang mit Parfum, aber was genau sind Aldehyde? Es handelt sich um organische Verbindungen aus einer Vielzahl natürlicher Materialien, darunter Orangenschale oder Zimtrinde – synthetisiert und in der richtigen Dosis geben sie einem Duft einen klaren, kribbelnden, prickelnden Twist.

Andere Noten: Jeder Duft, egal welcher Herkunft, kann in irgend einer Form in einem Parfum auftauchen. Hier ein paar Beispiele: Mehl und frisches Brot (L’Artisan Parfumeur: Bois Farine, Serge Lutens: Jeux de Peau), Kautschuk (Bvlgari Black), Bücher und Papier (CB I Hate Perfume: “In the Library”), alles rund um den Zirkus (L’Artisan Parfumeur: Dzing!), Rotwein (Nobile 1942: Rudis), Sperma (Etat Libre d’Orange: Secretions Magnifiques), oder Vinylsofas (Comme des Garcons – Skai). Egal, wie abwegig eine Duftnote sich anhört – garantiert wurde sie schon einmal in einem Duft verarbeitet. Suchen Sie einmal nach einer beliebigen Duftnote in einer der großen Duftdatenbanken wie Basenotes oder Fragrantica und warten Sie ab, was man Ihnen vorschlägt…

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