Verruchte Salome vs. Omas Backschublade: Duft-Kontroverse um Byredos „Seven Veils“

Byredo - Seven Veils

Traditionell ist es dem Schöpfer eines Duftes vorbehalten, diesen gemäß seiner Idee, Konzeption und Vorstellung zu benennen. Hat ein Parfümeur etwa bei der Komposition seines Parfüms sinnliche Bilder von zart schimmernden Seidenstrümpfen auf heller Haut im Kopf, kann es durchaus schon mal vorkommen, dass der Duft am Ende „Bas de soie“ („seidener Strumpf“) heißt – auch wenn der eher nicht nach Seidenstrümpfen riecht, sondern vielmehr nach Iris und Hyazinthe. Ob genau diese Duftnoten wiederum jeden Menschen gleichermaßen nun ausgerechnet an Seidenstrümpfe denken lassen, wenn ihnen Serge Lutens´ Bas de soie in die Nase weht, darf zumindest als fraglich bezeichnet werden.

In aller Regel stimmt die Namensgebung eines Duftes durchaus mit den durch ihn (mehrheitlich) ausgelösten Empfindungen überein, ist zumindest allgemein konsensfähig. Beispielsweise wird wohl kaum jemand empört widersprechen, wenn Kilian Hennessy seine bekannte orientalische Oud-Düfteserie Arabian Nights nennt. Nicht immer jedoch wird die mit dem Parfümnamen zum Ausdruck gebrachte, ganz persönliche Vision des Duftschöpfers von allen Trägerinnen und Trägern des Parfums kritiklos geteilt. Ein brandaktuelles Beispiel hierfür ist der neueste BYREDO-Duft Seven Veils. Der Name des Duftes („sieben Schleier“) ist eine Anspielung auf den „Tanz der sieben Schleier“ der biblischen Salome. Die damit verbundenen Assoziationen liegen auf der Hand: Die betörend-verruchte Salome,… sinnliche Verführungskünste und Bauchtänze bei nächtlichem Flammenschein,… geheimnisvolle orientalische Erotik – und dergleichen mehr. BYREDO-Chef Ben Gorham hatte dementsprechend zu Seven Veils folgende Bilder vor Augen:

„An diesem frühen Morgen ging der Mond erst spät unter, und man fühlte seine Anziehung, einen Magnetismus, wie ihn die Sonne nie ausüben zu vermag. Die Luft war erfüllt von dreierlei Erinnerungen. Deine Art, die Schleier zu halten, sie durch die Finger gleiten zu lassen, die Seide, die im Wind weht. Mit ihr zieht eine Quinte, ein Akkord in Moll entlang eines antiken Violinbogens. Sein Echo klingt lauter und lauter in unseren Ohren wider. Es schwillt zu einer Intensität an, die selbst das Schlagen unserer Herzen übertönt. Du erhebst Dich, auf Deine Füße und höher noch. Und tanzt, in scheinbar endloser Umdrehung, den Tanz der sieben Schleier“…

Dass Ben Gorham bei der Kreation von Seven Veils an Salome und ihren „Tanz der sieben Schleier“ denken musste, heißt freilich noch lange nicht, dass dies auch auf all jene zutrifft, die dieses Parfüm riechen oder letztlich tragen werden. Und so teilen bei weitem nicht alle, die bislang schon das Vergnügen hatten, den neuen BYREDO zu schnuppern oder probezutragen, die zuvor zitierte, ganz persönliche Vision Ben Gorhams von seiner Kreation Seven Veils. Der Duft löst vielmehr mitunter Assoziationen aus, die in eine völlig andere Richtung gehen. Kurz gesagt: Weg vom heißen orientalischen Tanzboden – mitten hinein in Omas gute, alte Backküche! Herzlich willkommen.

Salome vs. Omas Backküche

Verruchte Verführerin Salome vs. Omas Backküchen-Gemütlichkeit: ein Duft – zwei Welten! Nicht etwa die Dame links (Salome), sondern die rechts im Bild ist für manche Parfümfans die (gefühlte) wahre Inspirationsquelle hinter Seven Veils. „Seven Veils (…) riecht anfangs wie die Backschublade meiner Oma, nach warmer Behaglichkeit, ein bisschen nach Völlerei…“

So schreibt etwa die Userin Feline im Seven-Veils-Forum von parfumo „Wenn ich den Duft trage, fühle ich mich wie ein riesiges weihnachtliches Vanille-Zimtplätzchen!“ Klingt zum einen herrlich surreal, zum anderen auch – zumal ja in der jetzigen Vorweihnachtszeit! – überaus lecker… mit der biblischen Salome dürfte diese Impression des neuen BYREDO-Duftes aber ungefähr genau so viel oder wenig zu tun haben wie Omas köstlich duftende Backschublade, an die sich parfumo-Userin Bellemorte durch den Duftauftakt von Seven Veils unwillkürlich erinnert fühlt

„Kennt ihr das auch? Meine Oma hatte früher so eine große Schublade, in der die ganzen Backzutaten drin aufbewahrt wurden: Da fanden sich Vanilleschoten, Zimtstangen, Nelken, Sternanis, Hirschhornmehl, Piment, Safran, Rosinen, Mehl und und und. Im Winter wurde die Schublade immer viel frequentiert… Nelken für den Rotkohl, Lorbeer fürs Sauerkraut, Nelken für die gespickte Orange und zum Backen natürlich der gesamte Fundus – oft stand sie dann offen und aromatisierte die ganze Küche. Und diese Schublade hatte einen ganz eigenen, typischen Duft, eine Mischung all dieser Gewürze, sehr intensiv und leicht staubig vom Mehl. Für mich ist diese spezielle intensive Gewürzmischung fest verbunden mit der Winterzeit.“

Oh ja! Aber wo ist da nun der Zusammenhang zu Seven Veils?

„Ganz einfach: Seven Veils, die sieben Schleier der Verführung, Inbegriff orientalischer Erotik (zumindest in meiner romangeprägten Fantasie ;-)), glutäugige Schönheiten, Sexualität und alles was dazu gehört riecht anfangs wie die Backschublade meiner Oma, nach warmer Behaglichkeit, ein bisschen nach Völlerei (Hmm, Rotkohl mit Klößen, dunkler Soße und Ente – danach selbstgebackene Weihnachtskekse…) aber vor allem leicht staubig und nach Sternanis und Nelken“.

Folgerichtig überschreibt sie ihren Beitrag mit „Orientalische Erotik aus Omas Backschublade“. Wer hätte auch gedacht, dass Omas alter Küchenschrank so viele orientalisch-erotische Geheimnisse birgt? Genau ins selbe Horn stößt auch Edle-Essenzen-Leserin Aurelie, die Ben Gorhams Salome-Vision förmlich in der Luft zerreißt – hier sind ein paar der zu Boden gefallenen, davon übrig gebliebenen Schnippsel, die ich vom (Backküchen-)Fußboden aufsammeln konnte:

„Ich habe diesen Duft  – ich habe ihn auch meine Freunde testen lassen – wo bitte bleibt das Salome-verruchte??? Es hat genausoviel mit Salome zu tun, wie Escada mit…  Mata Hari. Oder – wie meine Freundin es treffend und witzig beschrieb: „Salome ist Oma geworden, steht in der Küche mit Lockenwickler und Schürze, und backt Kekse!”

Weit mehr als an biblisch-orientalische Mythologie fühlt sie sich beim Erschnuppern von Seven Veils noch an Lewis Carrolls Alice im Wunderland erinnert:

„Es ist ein absolut bezaubernder Duft, fluffig und lieblich, süß und unschuldig, es passt eher zu der “Alice in the wonderland”, schon alleine wegen der Karottennote (für den weißen Karnickel). Es duftet wie ein leckerer Carrot-Cake mit viel Zimt und cremig- vanilligem Frosting“.

Und fast meint man zu sehen, wie Ben Gorham einen kopfschüttelnd-mitleidigen Blick zugeworfen bekommt, wenn sie schließlich noch hinzufügt:

„Ich liebe ihn (Seven Veils – d. Red.) heiß und innig – aber Salome????? Leute, bitte… ;-)“

Aurelies Urteil ist eindeutig: Bezaubernd – ja. Fluffig – na, aber hallo. Lieblich und süß – ja, ja, ja! Aber ausgerechnet die verruchte Verführerin Salome? Die vermag sie hinter dem Schleier von Seven Veils nun wirklich nicht zu erkennen. Liest man die ersten bislang erschienenen Kommentare zu Seven Veils in englischsprachige Parfümblogs, erscheint die Divergenz der Meinungen und Duftwahrnehmungen in Bezug auf Seven Veils sogar noch größer: Bei Now Smell This etwa meldeten sich mehrere Leserinnen und Leser zu Wort, die die viel gepriesene Karottennote gar nicht wahrnehmen konnten. Eine andere Kommentatorin merkt – wiederum in Anspielung auf das von Ben Gorham gewählte Salome-Motiv – süffisant an: „I never knew carrot could be shamelessly seductive” („Ich wußte bislang gar nicht, dass Karotten schamlos-verführerisch sein können”). Eine weitere Userin hingegen zeigt sich nach einem ersten Probeschnuppern restlos begeistert von Seven Veils: „Ich habe es vor einigen Wochen bei Liberty probiert, und mochte es sehr gerne (…) Es ist etwas für die Liebhaberinnen süßer Parfüms, würde ich sagen (und genau das bin ich)“. Während wieder jemand anders vom erdig-süßen Duft frisch geriebener Karotten schwärmt, sich bei dieser Gelegenheit obendrein als Anhänger der „Pro-Karotten“-Fraktion outet (es hat sich auch schon eine Contra-Partei zu erkennen gegeben!) – und Karotten für die „perfekte Duftnote in dieser Komposition“ erachtet, für die es sich gar (wenn sie denn noch mit etwas Kokosnussaroma angereichert wäre) lohnen könnte „über glühende Glasscherben“ zu laufen. Autsch – und wow zugleich! Das nenne ich mal wahre Liebe zu einem Duft.

Alice im Wunderland

Auch sie könnte Salome den Seven-Veils-Thron streitig machen: Alice im Wunderland. „Es ist ein absolut bezaubernder Duft, fluffig und lieblich, süß und unschuldig; es passt eher zu der „Alice in the wonderland”, schon alleine wegen der Karottennote (für den weißen Karnickel)“.

Festzuhalten ist also auf jeden Fall, dass es wohl recht unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, wie ein „sinnlich-verführerischer“ und wie ein „lieblich-unschuldiger“ Duft zu riechen hat. Vor allem aber, dass sich (anders als Ben Gorham) offenbar längst nicht jeder von den Aromen von Seven Veils an Salome und ihren Tanz der sieben Schleier erinnert fühlt. Letzteres ist allerdings auch gar nicht so verwunderlich – schließlich muss gewiss auch nicht jeder beim Hören von Smetanas „Die Moldau“ oder Beethovens „Mondscheinsonate“ automatisch an einen Flusslauf in Tschechien und an eine sternenklare Vollmondnacht denken. Manch einer fühlt sich bei diesen Melodien vielleicht an ganz andere Szenerien erinnert – etwa an ein sonnenlichtdurchflutetes Künstleratelier in Paris… oder aber eine trist-graue Betonwüste bei Dauerregen. An ein romantisches Candlelight-Dinner auf dem Dach eines Wolkenkratzers vielleicht. Ein Sonnenaufgang auf einem Jupitermond. Eine Müllverbrennungsanlage inmitten eines Kornblumenfeldes. Oder wer weiß: womöglich gar an Omas alte Backküche… oder an Alice im Wunderland? 😉 Den Traumflügen der Fantasie sind – das gilt für das Reich der Musik zum Glück ebenso wie für das der Düfte – keine Grenzen gesetzt. Nach was hat Salome wohl geduftet, als sie den Tanz der sieben Schleier vollführte? Wie riecht es eigentlich so in einem Wunderland? Was ist „der Duft“ von Salome, respektive Alice? Schwer – nein, unmöglich zu sagen. Letztlich sind derartige Duft-Assoziationen doch immer eine höchst subjektive und zudem auch eine ausgesprochen persönliche, individuelle Angelegenheit. Das gilt für den Träger des Duftes ebenso wie für dessen Schöpfer. Beiden muss folglich zugestanden werden, dass sie ihre jeweils ganz eigenen – und zuweilen eben auch deutlich voneinander abweichenden – Visionen mit „ihrem“ Duft verbinden. Aber ob nun Salome oder Alice, verrucht oder unschuldig, Pro-Karotte oder klar dagegen, wandelndes Vanille-Zimtplätzchen oder Omas himmlisch duftende Backschublade: Seven Veils ruft offensichtlich allemal starke Bilder, Emotionen, Leidenschaften und Assoziationen hervor – ja, sogar Kontroversen. Eines kann man Ben Gorhams neuester Duftkreation daher jedenfalls nicht vorwerfen: belanglos zu sein…

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2 Gedanken zu “Verruchte Salome vs. Omas Backschublade: Duft-Kontroverse um Byredos „Seven Veils“

  1. Oh My God!!!! Lieber Erik,was für ein toller,amüsanter Artikel!!!!
    Ich bin froh,dass Du mein Kommi mit Humor aufgefasst hast-es gibt viele menschen,die sich bei sowas auf den Schlips getreten fühlen,und dementsprechen allergisch reagieren….
    Ich wollte die „Salomes erste Backversuche“ ja gar nicht verreissen,denn ich liebe ihn wirklich sehr-es war eine Liebe auf den ersten „Schnüff“-in der Sparte „Süsse Leckerlis“ gehört er zu den schönsten und heitersten Vertretern,es ist absolut nichts schweres und schülstiges daran,alles blauer Himmel,Schäfchen-Wölkchen,fluffige weisse Perserkätzchen…

    Wie duftet für mich verführerische Salome???? Wenn man bedenkt,dass die Geschichte,um die es sich handelt,im Nahen Osten stattfand-würde ich vermuten-es war viel ambriges,moschuslastiges,myrrhig-harziges im Spiel,vielleicht irgendwelche Gewürze oder einige schwere Blüten-Essenzen,wie zB.Jasmin oder Rose….
    Der Duft an sich ist Makellos schön-für mich auf jeden Fall,meine krizik oder eher belustigung richtete sich bestenfalls gegen die absurde und unsinnige ,schlecht durchdachte PR-Lyrik….Wenn ich auf der Suche nach einem neuem Duft bin,überspringe ich solche „eingebungsvolle“ Ergüsse geflissentlich-mehr noch-es macht mich wild,wenn ich nach der Info suche,statt dessen irgendein beseeltes „Geschwafel“ serviert bekomme… Wie ich schon einer Guerlain-verkäuferin gesagt habe,die mir statt einer beschreibung irgendwelche „geschichten“ auftischen wollte-„Wenn ich eine Geschichte will,kaufe ich mir ein Buch,ich will einfach gut duften“. MAcht doch Sinn,oder????
    Ich drücke Dich!!!!!! Schönes Wochenende!!!!!

  2. Liebe Aurelie!

    Es freut mich sehr, dass Dir der Beitrag gefallen hat. Und wenn Du nur halb so viel Spaß beim Lesen hattest wie ich beim Schreiben des Artikels, dann hat er sein beabsichtigtes Ziel schon mehr als erfüllt! 🙂

    Ansonsten:

    1.) Über Kommentare, Reaktionen, Feedback freue ich mich hier grundsätzlich immer.

    2.) Konstruktive Kritik ist dabei stets willkommen, ja, ausdrücklich erwünscht; sie ist meiner Meinung nach eine der wohl am meisten unterschätzten Triebfedern jedes menschlichen Fortschritts. Und sie verleiht sogar der Kreativität Flügel (wie Du ja gerade sehen konntest – ohne Deinen Kommentar hätte es diesen Artikel wohl nicht in dieser Form gegeben. Insofern: Danke für die Inspiration!)

    3.) Ich hatte ja lediglich zitiert, was der gute alte Ben Gorham da so über seinen neuen Duft geplaudert und vom Stapel gelassen hat. Schon aus diesem Grunde konnte ich mich von dem Kommentar gar nicht auf den Schlips getreten fühlen… und Ben Gorham ist weit weg. Über den können wir hier hemmungslos lästern, der kann das bestimmt ab… 😉

    4.) Außerdem: Laut Abendblatt http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article255861/In-der-Krise-greift-der-Mann-zur-Krawatte.html besitzen 40 Prozent der Männer keinen Schlips. Hiermit oute ich mich als einer von IHNEN ***Zombie-Blick aufsetz*** – man kann mir also gar nicht auf selbigen treten. Und ob Ben Gorham einen hat – na, ich habe jedenfalls noch kein Bild von ihm gesehen, auf dem er Krawatte trägt…

    5.) Was nun (wie Du sagst) „PR-Lyrik“ ist und was aus tiefstem, reinstem Grunde eines vor Gefühlen und großen Empfindungen überquellenden Parfümeurs-Herzen kommt – das kann man wahrscheinlich nicht immer völlig trennen, die Grenzen sind da gewiss oft fließend. Aber einstweilen muss ich es natürlich so hinnehmen, wie es die jeweils zitierte Person geäußert hat. Diesbezügliche Wertungen vorzunehmen (so wie Du es z.B. getan hast), sehe ich letztlich als das Königsrecht unserer Leserinnen und Leser an – nicht umsonst ist hier ja eine Kommentarfunktion eingebaut (…sie ist nicht nur zur Zierde da, oder eine Attrappe – man sieht: sie funktioniert wirklich!) 😉

    6.) Auch Dir ein wunderschönes Wochenende – und ganz viel Freude weiterhin mit dem Duft aus Oma Salomes wundersamer Backschublade! – Erik

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