„Still stehen – welch ein Luxus in unserer Zeit!“: Interview mit ANDY TAUER zu LONESOME RIDER

Andy Tauer - Lonesome RiderMit dem Duft Lonesome Rider hat Parfümeur Andy Tauer einem Menschentyp ein duftendes Denkmal gebaut, der ansonsten eigentlich nicht im Rampenlicht steht: dem einsamen Wolf, der irgendwo da draußen durch die weite Prärie des Lebens streift – fernab der großen Masse, des lauten Treibens und der Zwänge des Alltags…

Die große Parfum-Ballade auf den glücklichen Einsamen, den eigensinnigen Grübler, den verschrobenen Vagabunden, den netten Außenseiter von nebenan: Wir haben den Schöpfer von Lonesome Rider gefragt, was es damit auf sich hat – und wieviel „Lonesome Rider“ eigentlich in ihm selbst steckt.

Ein Gespräch über die Freuden der Einsamkeit – und die kreative Kraft der Stille.

Essenza Nobile: Andy, nach Lonestar Memories ist Lonesome Rider nun schon Dein zweites Parfum, das ein „lone“ im Namen trägt. Woher kommt diese offenkundige Affinität zur „lonesomeness“, zum Einsamen?

Andy Tauer: Nun… Lonestar Memories hat „Erinnerungen an Texas“ zum Thema. Wobei der „Lonestar State“ Texas ist – der US-Bundesstaat mit einem Stern im Wappen. In dem Sinne ist ja eigentlich der Stern der Einsame. Lonesome Rider ist als Name für einen Tauer-Duft perfekt. In einem Interview mit Fragrantica hat Jodi, die Interviewerin, mich als Lonesome Rider bezeichnet. Und das bin ich ziemlich genau. Es passt. Und der Name passt zum Duft.

Lonesome Rider

Warum nur Düfte kreieren, wenn man sie auch malen kann? Andy Tauer hat eine für Parfümeure recht ungewöhnliche Marotte: Den Entwicklungsprozess seiner Duftkreationen begleitet er regelmäßig mit Skizzen, Zeichnungen und Gemälden. Hier ein Kreidebild zu seinem Parfum Lonesome Rider.

Essenza Nobile: Welche Bilder hast Du im Kopf, wenn Du an diesen Lonesome Rider denkst, nach dem Dein neuester Duft benannt ist? Was ist das für ein Typ – und was macht er so den lieben langen Tag?

Andy Tauer: Wenn ich mir den Lonesome Rider vorstelle, so hat er den Kopf manchmal gesenkt, steht still und denkt nach. Still stehen: Welch ein Luxus in unserer Zeit, die so schnell geworden ist! Das erinnert ein wenig an mich, wenn ich den Kopf über Zeichenpapier senke und für eine Weile in die Welt der Striche abtauche [neben der Komposition von Düften ist das Malen Andy Tauers zweite große kreative Leidenschaft; Anm. d. Red.]. Manchmal stelle ich mir den Lonesome Rider auch vor, wie er am Rande der Ebene steht, den Blick an den Horizont geheftet, das Ziel vor Augen, im Wissen, dass das Ziel weit weg ist, vielleicht unerreichbar.

Lonesome Rider

Zeichnung von Andy Tauer zu Lonesome Rider: „Wenn ich mir den Lonesome Rider vorstelle, so hat er den Kopf manchmal gesenkt, steht still und denkt nach.“

Der Lonesome Rider schaut selten nach links oder rechts und kümmert sich nicht um den Jahrmarkt der Eitelkeiten, die ihm auf seinem Weg begegnen. Vanitas ist nicht sein Ding. Darum trägt er keine Samtweste und auch keine Swarovski-Ringe und sonstigen Firlefanz.

Ach ja: Und er scheint Hunde zu lieben (lacht).

Essenza Nobile: Wieviel „Lonesome Rider“ steckt denn in Andy Tauer selbst?

Andy Tauer: Recht viel. Hier im Hause „Tauer“ haben ich und mein Partner manchmal Diskussionen, so im Stil von „aber das kannst Du doch nicht machen! Das ist ein wenig gar disruptiv!“ Worauf ich sage: „Ich mache mein Ding, so wie ich es für richtig halte. Wenn ich in den letzten 10 Jahren darauf gehört hätte, was ich alles machen sollte, dann wäre ich schon längst nicht mehr da…“.

Essenza Nobile: Am Rande unseres ersten Interviews vor etwa zwei Jahren hast Du erzählt, dass Du ab und an nach Los Angeles reist – und von dort aus gerne mal einen Abstecher in den Joshua Tree Nationalpark machst, wo Du Dich dann „für ein, drei Tage versteckst“. Ein Mann taucht unter in einer südkalifornischen Wüstengegend… das klingt ja schon auch ein bisschen nach „Lonesome Rider“ – zumindest auf Zeit. Was genau ist der Honig, der Dich immer wieder dorthin lockt? Oder, anders gefragt: Was hat diese Wüste, was eine Shopping-Mall, eine Parfümerie, ein Stadtpark oder eine Eckkneipe nicht haben?

Andy Tauer: Eine unprätentiöse Größe und Stille. Ich kann ein wenig die Unendlichkeit spüren; dieses Gefühl, dass wir nur für einen kurzen Moment Unruhe verbreiten und letztlich nicht zählen, angesichts der Stille im Universum.

Joshua Tree

Joshua Tree Nationalpark, Kalifornien: „Eine unprätentiöse Größe und Stille“

Essenza Nobile: Der Schriftsteller Franz Kafka hat einmal gesagt: „Ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.“ Ein Satz, den auch Du unterschreiben könntest?

Andy Tauer: Ja, der Satz ist gut und passt. Ein Grund, warum ich mich manchmal zurückziehen muss: In der Stille liegt Energie, kreative Energie.

Essenza Nobile: Unter welchen Einsamkeits-Bedingungen entstanden denn Lonesome Rider und Deine anderen Düfte? Umgeben von zahlreichen Freunden und neugierig schnuppernden Bekannten? Oder eher in der Abgeschiedenheit Deines Labors, nur allein mit Dir selbst, Deinen Ideen und Deinen Duftfläschchen?

Lonesome Rider

Gemälde von Andy Tauer zu Lonesome Rider: „Der Lonesome Rider schaut selten nach links oder rechts und kümmert sich nicht um den Jahrmarkt der Eitelkeiten, die ihm auf seinem Weg begegnen.“

Andy Tauer: Die Kreation eines neuen Duftes findet – bei mir zumindest – zuallererst im Kopf statt. Manchmal ist es ein kleiner Geistesblitz, dem ich folge und den ich dann, zu gegebener Zeit, am Computer in einer Formel niederschreibe, bevor ich ihn dann im “Duftzimmer” ausmische. Und meistens bald wieder wegwerfe oder umändere, weil es nicht passt. Das „Duftzimmer“ ist im übrigen das nicht perfekt organisierte Chaos. Ein Durcheinander von Flaschen, die ohne System am Boden und auf dem Tisch stehen. Am Computer bin ich strukturierter (lacht).

Essenza Nobile: Grapefruit, Rose, Pfeffer, Vetiver, Ambra, Sandelholz & Co.: Viele Duftnoten von Lonesome Rider sind „alte Bekannte“ aus Deinem vor 10 Jahren lancierten Limited-Edition-Parfum Orris. In welchem Verhältnis stehen die beiden Düfte zueinander? War Orris eine Art erstes Konzept, das nun, über die Jahre hinweg, zu Lonesome Rider weiterentwickelt wurde?

Andy Tauer: Genau! Mit Lonesome Rider machte ich einen Schritt, einen grossen Zehn-Jahres-Schritt, ausgehend von Orris. Am Rider habe ich lange, sehr lange herumgedacht; obwohl viele Duftnoten alte Bekannte sind, so zeigt Lonesome Rider doch auf, dass sich der Kopf/die Nase verändert hat. So wie ich es sehe: Ich entwickle mich weiter, vorwärts, seitwärts, wie auch immer: Wir bleiben ja alle nicht stehen.

Essenza Nobile: Und dann wäre da noch Lonestar Memories. Hier fällt weniger eine Übereinstimmung von Duftnoten als vielmehr das sehr ähnliche Thema und Motiv ins Auge: dieser einsame Reiter, der irgendwo da draußen herumvagabundiert und, fernab vom Alltagsleben, seiner eigenen Wege geht. Welchen Bezug haben die beiden Vagabunden Lonestar Memories und Lonesome Rider zueinander? Sind das Geschwister, Seelenverwandte – oder so etwas in der Art?

Andy Tauer: Das sind wohl Cousins zweiten Grades (lacht).

Essenza Nobile: Drei Dinge, die man unbedingt über Lonesome Rider wissen sollte, bevor man sich auf ihn einlässt? Es soll hinterher schließlich niemand sagen können, er sei nicht gewarnt worden…

Andy Tauer: Achtung: Er macht abhängig, schmiegt sich bei Gelegenheit auch gerne mal an Frauen an, und manche finden, er raucht ein wenig zu viel…

Essenza Nobile: Diese Warnung wird sicherlich vielen Menschen die Augen öffnen. – Andy, vielen Dank für dieses Interview!

Lonesome Rider

So schön einsam hier: „Dieses Gefühl, dass wir nur für einen kurzen Moment Unruhe verbreiten und letztlich nicht zählen, angesichts der Stille im Universum…“

 

Tauer Perfumes - Lonesome Rider

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