Meisterin der Düfte: Mona di Orio

Mona di OrioManchen begnadeten Musikern und Komponisten sagt man nach, ein „absolutes Gehör“ zu haben. Im Parfümerie-Handwerk ist diese Gabe freilich nicht von Bedeutung; doch wenn es so etwas wie ein olfaktorisches Pendant zum „absoluten Gehör“ gibt – dann hatte sie es wohl: Mona di Orio.

Schon als junges Mädchen waren es eine besondere Sensibilität und eine Art „fotografisches Gedächtnis“, die Mona di Orios Geruchssinn auszeichneten. Ihr Bewusstsein für alles, was schön, interessant und aufregend duftete, war bereits in jungen Jahren merklich ausgeprägt. Jenes lodernde Feuer brannte so stark und hell in ihr, dass sie ein Buch wie „L’Esthétique en question“ des Jahrhundert-Parfümeurs Edmond Roudnitska (Schöpfer von unvergänglichen Düfte-Perlen wie Eau d’Hermès, Diorissimo, Eau Sauvage oder Diorella) nicht nur förmlich verschlang, sondern auch gar nicht anders konnte, als dem Autoren einen ausführlichen Brief zu schreiben. Mit all den Gedanken, die sein Buch in ihr ausgelöst –  und den Fragen, die es aufgeworfen hatte…

Es ist fast ein Naturgesetz: Wer als Computer-Genie geboren wurde, landet nicht selten irgendwann im Sillicon Valley. Wer hingegen mit einer Super-Nase gesegnet ist, findet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später in Grasse wieder. Das südfranzösische Parfümerie-Mekka wirkt wie ein Magnet auf all jene, die die Berufung in sich verspüren, auf dem Gebiet der Parfumherstellung Großes zu vollbringen.

Bei Mona di Orio war es schon früh soweit; im zarten Alter von 17 Jahren zog es sie nach Grasse – und, nach einem Studium der Bildenden Künste und Literatur, unter die Fittiche von Parfum-Meister Edmond Roudnitska. Begeistert von Mona di Orios brennender Leidenschaft für die Welt der Düfte und ihrem tiefgründigen, unstillbaren Interesse an der Parfümeriekunst, nahm er sie schließlich als einzige Schülerin an – und unterwies sie fortan in den Geheimnissen seines Metiers, das bald auch schon ihres werden sollte.

Mona di Orio Parfums

„Als ich Edmond Roudnitska im Juli 1987 zum ersten Mal traf”, erinnerte sich Mona di Orio einst an das erste Zusammentreffen mit ihrem späteren Mentor, „war es jenseits meiner Vorstellungskraft, wohin mich diese entscheidende Begegnung führen würde. Erstaunlicherweise war es der Beginn eines großen Abenteuers”.  

Sechs Jahre lang dauerte die Lehrzeit Mona di Orios bei Edmond Roudnitska. Sechs Jahre, die aus ihrer Passion eine Profession, aus ihrer Naturbegabung eine Kunst mit eigenem Stil und unverkennbarer Signatur schmiedeten. „Petit Mozart“, kleiner Mozart nannte sie ihr Meister gerne liebevoll. Dies war nicht allein eine Anspielung auf Mona di Orios „Wunderkind“-Faktor, sondern vor allem auch auf ihre ureigene Art, Parfums zu kreieren und – im wahrsten Sinne – Note für Note zu „komponieren“. Von „Duft-Kompositionen“ und ähnlichen der Welt der Musik entlehnten Metaphern ist im Parfumbereich zwar häufig die Rede; bei Mona di Orio trifft dieses Bild aber in besonderer Weise zu. Tatsächlich glich die Art, wie Mona di Orio Düfte konzipierte, in mancher Hinsicht der Arbeits- und Vorgehensweise einer Komponistin…  

Mona di Orio

Mona di Orio: „Ich war schon immer fasziniert von Düften, dieser unerschöpflichen Quelle von Überraschungen und Emotionen. Als Kind hatte ich das Glück, immer neue Düfte in den olfaktorischen Labyrinthen meines Zuhauses und in den Gärten meiner Kindheit entdecken zu können.”

Nicht zuletzt angeregt von Edmond Roudnitska selbst, der sie immer wieder dazu anhielt, sich von seinem Vorbild zu lösen und ihren eigenen Stil zu entwickeln, bildete sie über die Jahre hinweg einzigartige, charakteristische Merkmale heraus, die „Mona di Orio“ schließlich zu einer unverwechselbaren Marke im Bereich der Parfumherstellung werden ließen. Mona di Orios Duft-Kreationen sind geprägt von einem Stil, der die Reichhaltigkeit, Komplexität und Originalität der Düfte unterstreicht, und damit an die Epoche der goldenen Jahre des Parfumwesens in den 1920er und -30er Jahren anknüpft.

Ein zentrales Element ist dabei die Natur – und auch Licht: „Die Natur war mein Vorbild und meine Übungen wurden dirigiert von einem außergewöhnlichen Meister“, sagte Mona di Orio einmal über ihre Lehrjahre bei Edmond Roudnitska. „Natürliche Ingredienzien und Licht sind essenziell und unverzichtbar für meine Kreationen. Licht spielt eine herausragende Rolle in meinen Düften: Ich liebe es, mit dem olfaktorischen Chiaroscuro zu spielen, ich mag die Lebensfreude und das Funkeln der strahlenden Kopfnoten, die Süße und die Reflektionen der sinnlichen Herznote, bis hinunter zu dem dunklen Vergnügen der geheimnisvollen Basisnote.”

Mit dem Stichwort „Chiaroscuro” sprach Mona di Orio selbst einen weiteren, typischen Aspekt ihrer Parfum-Kunst an: Als Chiaroscuro (italienisch: „hell-dunkel“) bezeichnet man in der Kunstgeschichte einen in der Spätrenaissance herausgebildeten Malereistil, der von starken Hell-Dunkel-Kontrasten geprägt ist.  Ein Effekt, der auch in Mona di Orios Parfums als aufregendes, kontrastierendes Wechselspiel etwa zwischen Kopf- und Basisnote zum Tragen kommt… Nicht zu unterschätzen ist außerdem auch der Einfluss der Literatur auf Mona di Orios Werk, etwa ihrer Lieblingsautoren Charles Baudelaire („Les Fleurs du Mal”) oder Sidonie-Gabrielle Colette.

Schöne Künste, Literatur und Malerei, Musik- und Parfum-Kompositionen – bei Mona di Orio floss all das auf wundersame Weise zusammen, ineinander über, verschmolz miteinander zu einem grandiosen Gesamtkunstwerk. Kein Wunder: Kam sie ja ursprünglich aus dem Bereich der Kunst, hatte an einer Kunstschule studiert, diese mit Diplom absolviert und brachte damit zweifellos eine besondere, stilbildende Sicht- und Herangehensweise in die Parfumherstellung mit.

Jeroen Oude Sogtoen

Jeroen Oude Sogtoen: „Mona nahm mich mit zur “Fabrik”, die eigentlich eine schöne Villa namens Maison Sainte Blanche war. Überall sah ich Bilder von ihrem früheren Meister Edmond Roudnitska, von dem ich zu dieser Zeit noch nie etwas gehört hatte – aber sie erklärte mir, dass er der größte Parfümeur des vergangenen Jahrhunderts gewesen sei“…

Nachdem sie mehr als 15 Jahre lang im Labor von Edmond Roudnitska in Cabriseinem Dorf nahe bei Grasse – gearbeitet hatte, war die Zeit für Mona di Orio gekommen, auf ihrem Lebensschiff neue Segel zu setzen. Es war im Jahr 2003 als sich die zweite große, richtungsweisende Begegnung ihres Lebens zutrug und sie den niederländischen Modedesigner und Innenarchitekten Jeroen Oude Sogtoen traf. Der arbeitete damals gerade an einem Konzept für das Fünf-Sterne-Hotel „The College Hotel“ in Amsterdam und außerdem an einer Luxuslinie mit Badprodukten für Hotels namens Zenology®. Auf der Suche nach einem hierfür passenden Duft war er zunächst an Accords et Parfums in Grasse verwiesen worden. Dort nahm zufällig Mona di Orio seine telefonische Anfrage entgegen – und das Schicksal nahm seinen Lauf. Zwei kreative Seelen hatten sich getroffen und zueinander gefunden, und bald stellte man so manche Gemeinsamkeiten fest – etwa was ästhetische Vorlieben, Qualitätsfragen und den Anspruch ihrer Arbeit betraf.

Jeroen Oude Sogtoen war von Mona di Orios Können so angetan und überzeugt, dass er sie ermunterte, ihr eigenes Parfumhaus zu gründen, bei dem sie und ihr künstlerisches Schaffen ganz im Mittelpunkt stehen sollten. Gesagt, getan. Schon 2004 war es soweit: Mona di Orio Parfums war geboren.  Das Duo Sogtoen/di Orio passte perfekt zusammen:  Der Designer Jeroen Oude Sogtoen war von nun an „das Auge“, die Parfümeurin Mona di Orio „die Nase“ des neu entstandenen Hauses. 2005 erschienen dann die ersten drei Düfte von Mona di Orio Parfums: Lux, Carnation und Nuit Noire. Und viele weitere sollten folgen…

Mona di Orio Parfums

Eine aufblühende Erfolgsgeschichte, der leider kein Happy End vergönnt war; Ende 2011 nämlich traf die Parfümeriewelt diese Nachricht wie ein Blitzschlag: Im Alter von gerade einmal 42 Jahren war Mona di Orio an den Folgen von Komplikationen nach einer Operation gestorben. Der Nachwelt hinterließ sie einzigartige Duftkompositionen – bereits veröffentlichte ebenso wie solche, die das Licht der Öffentlichkeit zu Lebzeiten Mona di Orios noch nicht erblickt hatten…  

Jeroen Oude Sogtoen traf die Entscheidung, das Parfumhaus  weiterzuführen; er sah darin den besten Weg, Mona di Orios Lebenswerk zu ehren, ihr großartiges Erbe über ihren Tod hinaus zu bewahren und ihre Geschichte weiterzuerzählen. Unter dem Motto „Unconventional Parfum Traditions“ erscheinen weiterhin bereits bekannte wie auch bislang unveröffentlichte Parfum-Kleinodien von Mona di Orio.

Mona di Orio Parfums - Violette Fumée

Mona di Orio Parfums – Violette Fumée

Einer der vielleicht kostbarsten, in jedem Fall aber wohl persönlichsten Schätze dieser Sammlung ist das 2013 im Rahmen der Kollektion Les nombres d’or lancierte Parfum Violette Fumée: Ein Veilchen im Herzen, umrankt von Lavendel, Bergamotte, Rose, Tabak, Cashmeran und Wildleder, untermalt von köstlichen harzigen Untertönen

Die Geschichte dieses Parfums birgt unbändige Lebenslust – und zugleich auch eine tiefe Tragik in sich: Mona di Orio hatte es nämlich einst als Signatur-Duft für Jeroen Oude Sogtoen kreiert. Violette Fumée war also das vielleicht persönlichste Geschenk, das eine Parfümeurin einem guten Freund machen kann – und ist damit ein Schatz von emotional unschätzbarem Wert. Eine ganz besondere Hinterlassenschaft einer der ganz Großen des Parfumfachs, von der Jeroen Oude Sogtoen schwärmt: „Ich kann Monas Umarmung fast spüren, wann immer ich den Duft in den besonderen Momenten meines Lebens trage“.

„Nur mit der Nase kann man wirklich klar sehen“, hat Mona di Orio einmal gesagt. Und: „Ich möchte Düfte kreieren, die die Menschen fühlen, träumen, reisen, sich erinnern lassen – und sie überraschen“.

Gemessen an diesem Anspruch ist Mona di Orios Werk heute vielleicht lebendiger denn je…

Mona di Orio

Mona di Orio: „Nur mit der Nase kann man wirklich klar sehen – das dachte ich und denke ich noch immer; aber was anfänglich wie ein Spiel auf mich wirkte, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer wahren Leidenschaft.“

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