Anti-Aging-Wunder mit Pinsel und Farbe: Jungbrunnen in der Kunst - Teil 1

12.04.2022 13:51

Inspiriert von unserem Interview mit Professor Madeo („Jungbrunnen Spermidin?“) habe ich mich  auf die Suche nach weiteren Aspekten der faszinierenden Thematik „Jungbrunnen“ gemacht. Die mythologische Vorstellung und wundersame Ahnung, dass es wohl irgendwo auf der Welt einen Jungbrunnen geben müsse, der uns ewig-jugendliche Schönheit verleiht, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst, und beflügelte seit jeher die menschliche Fantasie. Ganze Expeditionen wurden schon ausgeschickt, um den Brunnen mit dem Anti-Aging-Wunderwasser ausfindig zu machen. So war etwa der spanische Hauptmann Juan Ponce de Léon im Jahr 1513 mit seinen Mannen und Karavellen mehr als sechs Monate  lang unterwegs, auf der Suche nach der Insel Bimini, auf der sich laut Indio-Sagen der Jungbrunnen befinden sollte. Entdeckt hat er das „Wasser des Lebens“ freilich nicht – dafür aber Florida, wo übrigens bis in die heutige Zeit hinein nicht wenige Menschen den Jungbrunnen vermuten. Wirklich gefunden hat ihn auch bis heute wohl noch niemand – vielleicht einmal von Professor Madeo abgesehen, der genau dies aber in unserem Interview mit akademischer Bescheidenheit weit von sich weist. Doch zumindest in einem Bereich kann man ihn bereits heute in vielfältiger Form entdecken, sprudeln sehen und auch (zumindest mit dem Auge) in ihm baden: nämlich in der Kunst, in der Malerei. Hier ist der Jungbrunnen längst Realität, und das schon seit vielen Jahrhunderten. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart beschäftigte die Beauty-Vision schlechthin zahllose Künstler, und inspirierte sie zu kühnen Fantasien in Farbe, auf Leinwand, Papier oder Stein. Wer hätte es gedacht: Sogar bis auf ein modernes Zahlungsmittel, eine offizielle Banknote, hat es der Jungbrunnen bereits als Motiv geschafft! (...doch dazu im zweiten Teil dieser Serie noch mehr). Ich habe im Rahmen einer kleinen, dreiteiligen Serie aus mehr als einem halben Jahrtausend einige mir besonders interessant erscheinende Beispiele für Jungbrunnen-Utopien in der Malerei zusammengetragen, die vor allem eines zeigen: der Jungbrunnen lebt - man muss nur genau genug hinschauen... Lucas Cranach - „Der Jungbrunnen“, 1546

Cranach_Jungbrunnen

Besondere Aufmerksamkeit möchte ich in diesem ersten Teil der Serie dem Gemälde „Der Jungbrunnen“ von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1546 widmen, das auch schon unser Interview mit Professor  Madeo illustrierte. Es entstand nur wenige Jahrzehnte nachdem Juan Ponce de Léon den Jungbrunnen bei Florida gesucht hatte – in einer Zeit also, in der das Thema Jungbrunnen förmlich in der Luft lag und offenbar en vogue und topaktuell war.

Das Bild ist von links nach rechts thematisch bedacht durchkomponiert, stellt in zahlreichen Einzelszenen den Handlungsverlauf der mystischen Jungbrunnen-Metamorphose dar, und verdient deshalb auch eine besondere Beachtung der dargestellten szenischen Details: Die linke Bildhälfte ist gekennzeichnet durch ein schroffes, unwirtlich-karges Felsenland – gleichsam bildhaftes Symbol für die beschwerlichen Bürden des Alters. Von dieser Seite aus werden die alten und alternden Menschen – des Laufens offensichtlich schon kaum noch fähig – mit allerlei fahrbarem Untersatz (Heuwagen, Kutschen, Schubkarren und Bahren) herbeigefahren. Die alten Menschen wirken in dieser Darstellung allesamt recht fahl und blass, tragen ausnahmslos graue Hauben, die wohl die gröbsten Alterserscheinungen verdecken mögen, werden von jüngeren Menschen gestützt, auf dem Rücken getragen oder von einem Arzt untersucht, und sind zum Teil sichtlich gebrechlich. Man merkt deutlich, dass das Bild in einer Zeit entstanden ist, in der ein hohes Alter - weit mehr als heute - gleichbedeutend war mit Mühsal, Krankheit und Last... wirksame Anti-Aging-Produkte waren seinerzeit ebenso fern aller Dinge wie Wellness-Kuren oder eine optimale medizinische Versorgung.

Detailansicht 1: Ankunft der Alten

Detailansicht 1: Die Ankunft der Alten

Den Mittelpunkt des Bildes bildet der Jungbrunnen in Form eines rechteckigen Beckens, in dessen Mitte wiederum ein Brunnenstock das verjüngende, erquickende Labsal verspritzt, auf dem die antiken Liebesgottheiten Venus und Amor zu sehen sind – ein allegorischer Hinweis darauf, dass der Jungbrunnen nicht „nur“ ein bloßer Jung- sondern auch (und gerade) ein Liebesbrunnen ist, mit dem neben der Vorstellung immerwährender Jugend und Schönheit auch der Traum von einem ewig erfüllten Liebesleben verbunden ist.

Detailansicht 2: Die Metamorphose im Jungbrunnen-Becken

Detailansicht 2: Die Metamorphose im Jungbrunnen-Becken

Fortschreitend von links nach rechts kann man nun innerhalb des Jungbrunnen-Beckens die Verwandlung und Verjüngung der darin badenden Menschen – auffälliger Weise übrigens ausschließlich Frauen (über das zugrunde liegende Frauen- und Männerbild könnte man gewiss trefflich diskutieren und spekulieren...) – beobachten. Sitzen links noch einige zaudernd und zögerlich wirkend am Beckenrand, oder hält sich eine Frau gar selbst noch im Wasser die Hände vor ihr Gesicht, löst sich die sichtbare Last und Mühsal des Alters nach rechts hin zunehmend regelrecht in Heiterkeit und Wohlgefallen auf. Man plantscht, spielt und badet vergnügt miteinander, eine junge Badenixe liegt gar völlig ohne erkennbare Zeichen von Scham splitternackt am Beckenrand und sonnt ihren jugendlichen Körper, den sie stolz und selbstbewusst präsentiert, während am rechten Beckenrand die Damen ihre neu erlangte jugendliche Haarpracht bestaunen und schon zu pflegen beginnen, und – kaum dem Jungbrunnen-Becken entstiegen – bereits von einem nicht minder jungen Kavalier empfangen werden. Währenddessen macht es sich hinter einem Gebüsch schon mal ein Liebespaar gemütlich – nähere Details hierzu werden dezent von den Blätterzweigen verdeckt, aber die Verheißung des Jungbrunnens, auch ein Liebesbrunnen zu sein, offenbart sich in alledem einmal mehr überdeutlich.

Detailansicht 3: Die Verheißung von jugendlicher Schönheit und Liebesglück

Detailansicht 3: Die Verheißung von jugendlicher Schönheit und Liebesglück

Die äußeren Anzeichen der Verjüngung sind auf einen Blick klar erkennbar: Die Kleider z.B. sind wesentlich bunter und farbenfroher, der Teint der Haut merklich rosiger, der Ausdruck der jungen Gesichter von neugieriger, fast naiver Unbeschwertheit, die Haare werden größtenteils offen getragen, und nicht mehr verschämt unter einer Haube versteckt. Nicht zu übersehen ist aber auch eine gewisse Frivolität, die hier allenthalben in der Luft liegt, die dann weiter hinten rechts im Bild übergeht in ein von Bäumen, offenem Himmel und fruchtbaren Landschaften umrahmtes großes, fröhliches Festgelage, ein buntes Spektakel mit Speis´ und Trank, lustig spielenden Musikanten und ausgelassen tanzenden (nunmehr aber doch wieder züchtig bekleideten) Paaren – eine Art großes Finale, eine furiose Schluss-Szenerie (heute würde man vielleicht sagen: die „Jungbrunnen-Abschlussparty“), gespickt mit mannigfaltigen Symbolen und Zeichen jugendlicher Leichtigkeit, Schönheit, Fruchtbarkeit, Heiterkeit, Lebensfreude und Unbeschwertheit...

Detailansicht 4: die Schlussszene - Partystimmung nach dem Anti-Aging-Bad.

Detailansicht 4: Die Abschluss-Szene - heitere, gelöste Partystimmung nach dem Anti-Aging-Bad. "Jungbrunnen-Absolventen" unter sich...

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Möchten Sie den faszinierenden Traum vom Jungbrunnen in Bildern und Farben noch ein bisschen weiter träumen? Noch ein wenig tiefer eintauchen in die wundersame Welt des Jungbrunnens in Kunst und Malerei? Dann lade ich Sie jetzt schon herzlich ein zur Fortsetzung unserer kleinen Jungbrunnen-Serie: Lesen Sie in den nächsten beiden Folgen von Jungbrunnen auf Banknoten, im mittelalterlichen Festsaal einer italienischen Burg – und auf dem Union Square in New York!

Demnächst hier, in unserem Journal...


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